2.3 Heilige Familie?

Wer einmal ja gesagt hat, darf nie wieder nein sagen. Das leitet die Kirche aus Jesus-Worten im neuen Testament ab. Liest man die sorgfältig, so sagen sie etwas ganz anderes aus. Die Kirche selbst brauchte 1000 Jahre, um die heutige Interpretation in sie hineinzulegen. Das Familienrecht stellt sich dennoch auf die Seite der Kirche, indem es in § 1353 BGB bestimmt, „die Ehe wird auf Lebenszeit geschlossen“. Dann aber steht in den §§ 1564-1568 BGB, wie die lebenslange Ehe doch wieder geschieden wird.

Offenbar traut sich die Staatsmacht nicht, Paare weiterhin gegen ihren Willen zum Zusammenleben zu zwingen, wie das die Kirche über viele Jahrhunderte getan hat. Sie kann aber einiges dafür tun, ihnen das Auseinandergehen zu vermiesen. Die Zustimmung der einen Hälfte der Paare gewinnt sie dadurch, dass sie ihr Geschenke macht, die sie bei der anderen Hälfte einsammelt. Das Einsammeln dient gleichzeitig der Bestrafung, womit die Kirche seit je für die Einhaltung der Gebote sorgt. Die Bestrafung wurde früher von einer Schuldfeststellung abhängig gemacht. Das ist nun nicht mehr nötig, nachdem man sich auf den Mann als automatisch Schuldigen festgelegt hat.

Eine Bestrafung soll von einem Fehlverhalten abschrecken. Dass das jemals erfolgreich sein kann, wird vielfach bezweifelt. Von einer Ehescheidung wird man sicher nicht abschrecken, wenn man gleichzeitig mit der Bestrafung des einen Partners dem anderen Anreize für eine Scheidung gibt. Nicht umsonst werden die meisten Scheidungsanträge von Frauen eingereicht.

Ein zweites Ziel der Bestrafung ist Vergeltung, die der Befriedigung eines Geschädigten dienen soll. Im Familienbereich wird die Rolle des Geschädigten automatisch der Frau zugeteilt und deswegen der Mann bestraft. Klarer wenn auch in der Öffentlichkeit weniger beachtet ist eine dritte und diesmal positive Funktion der Strafe. Sie verleiht dem Strafenden ein angenehmes Gefühl von Macht, Überlegenheit und Gutsein, vielleicht der wichtigste Grund, warum sich die offensichtlich untaugliche Bestrafung im Familienbereich bis heute gehalten hat.

Verlautbarungen aus der katholischen Kirche vermitteln den Eindruck, sie sähe in der lebenslangen Dauer der Ehe das einzige Qualitätskriterium von Belang. Dem folgt das Gesetz und bezeichnet eine Ehe, die anders als durch den Tod eines der Partner endet, als „gescheitert“. Eine Ehe hat weitere wichtige Funktionen wie die Partnerschaft, das Familienleben und das Aufziehen von Kindern. Die können auch in einer später beendeten Ehe erfolgreich wahrgenommen sein. Bei ihnen ist daher die mit dem Wort Scheitern ausgedrückte Abwertung nicht angebracht.

Schlimmer noch als die Abwertung selbst sind ihre Folgen. Familienrichter fühlen sich dazu berufen, die gescheiterten und damit im katholischen Sinn wertlosen Ehen und Familien zu entsorgen und Reste von ihnen zu beseitigen. Das betrifft sowohl Verbindungen zwischen den Expartnern als auch die Beziehungen zwischen Eltern und ihren Kindern.

Dazu legt man zwischen den Partnern Streit. Man ergreift zwischen ihnen Partei, erklärt den einen für gut, den andern für böse, teilt dem einen alle Rechte, dem anderen alle Pflichten zu. Noch niederträchtiger ist es, dafür die gemeinsamen Kinder zu benutzen, indem man den einen zum alleinerziehenden Elternteil macht und dem anderen ein so begrenztes Umgangsrecht zuspricht, dass er damit als Vater (denn um die Väter handelt es sich bei den Umgangsberechtigten überwiegend) abgeschafft wird. Es ist verständlich, dass ein Vater empört reagiert, wenn sich die Kindesmutter mit der Staatsmacht auf einen solchen Kuhhandel einlässt.

Die Staatsmacht, die den Streit vom Zaun bricht, schiebt die Schuld dafür den angeblich streitlustigen Expartnern zu, hatte aber wohl selbst den Eindruck, dass sie ihren Anteil daran besser vertuschen und schönreden müsste. Das tat sie mit der Einführung des „Kindeswohls“, das besser Kindesbenutzung hieße, und einer „gemeinsamen elterlichen Sorge“ (§§ 1687-1698 BGB), die keine ist, die vielmehr Alleinerziehung und Umgangsrecht unter neuem Namen fortsetzt.

Familiengerichte übernehmen bei Scheidungsverfahren das katholische Verständnis der Rollenverteilung in einer Familie. Danach ist der Mann der Geldverdiener und damit der finanziell stärkere Partner, die Frau führt ihm den Haushalt und versorgt die Kinder, steht finanziell also schwächer da. Es fällt dem Stärkeren zu, für den Schwächeren aufzukommen. Dass immer mehr Paare von dieser Arbeitsteilung abweichen, dass viele intelligente und tüchtige Frauen wichtige Funktionen im Berufsleben haben, dass sich viele Männer im Haushalt und bei der Betreuung der Kinder kompetent und einsatzfreudig engagieren, interessiert die katholisch inspirierten Gerichte wenig. Schließlich kann kein Mann seiner Frau die Schwangerschaft, das Gebären und das Stillen abnehmen, und das reicht als Rechtfertigung für die spätere ungleiche Verteilung von Rechten und Pflichten.

Damit lässt sich auch, stillschweigend, die weitere von der heiligen Kirche praktizierte und propagierte Diskriminierung der Frauen im Berufsleben rechtfertigen. Es ist betrüblich, dass so wenige Frauen diesen Zusammenhang sehen wollen, wenn sie die beim Ex-Partner eingezogenen Almosen des Staates in Empfang nehmen. Genauso wenig tun das die Frauenverbände und Feministen, denen das Wohl der Frauen angeblich so sehr am Herzen liegt. Partnerunterhalt, Betreuungsgeld und Mütterrente sind das Opium, um Frauen ruhig zu stellen und die Dominanz der Männer im Erwerbsleben zu bewahren. Was berufstätigen Müttern wirklich helfen könnte, eine mit dem Job zu vereinbarende Kinderbetreuung, lässt auf sich warten und wird ausgerechnet in die Hände der Organisationen gelegt, die die Frauen zurück an den heimischen Herd wünschen.

Wer sich nach Partnerschaft und Familienleben sehnt, ohne in diese ausgelegten Fallen zu treten, muss das ohne oder gegen seinen Staat tun. Das beschreibt das Kapitel Familienwohl