2.2 Kirchenfreund Staat

Im Jahr 1875 nahm die Reichsregierung per Gesetz den Kirchen die Verfügung über die Familien aus der Hand. Eheschließungen, Geburten und Todesfälle wurden nun in den neu gegründeten Standesämtern protokolliert. Rechtlich anerkannt wurde nur die im Standesamt geschlossene Zivilehe. Die Prüfung der Voraussetzungen erfolgte nun nach sachlichen Gesichtspunkten und nicht nach Wohlverhalten. Mit der Zivilehe wurde die Möglichkeit der Ehescheidung durch Familiengerichte eingeführt. Dieser Riesenfortschritt wurde gegen den massiven Widerstand der katholischen Kirche durchgesetzt, und den hat sie bis heute nicht aufgegeben.

Diesen Mumm hat seither keine deutsche Regierung mehr aufgebracht, im Gegenteil. Als sich Deutschland 1945 aus den Trümmern der Nazi-Herrschaft erhob, machte sich katholische Indoktrination in der Bundesrepublik breit. Grund dafür war nicht die lebensbejahende Botschaft der Kirche, sondern die Anerkennung ihres Herrschaftsanspruchs durch die christliche Regierungspartei. Nicht alles davon hat sich gehalten, aber das deutsche Familienrecht ist nach wie vor tief schwarz eingefärbt. Auch sein Umgehen mit der Wahrheit, nämlich verschweigen, verheimlichen, vertuschen und schönreden, scheint den kirchlichen Gepflogenheiten entlehnt.

Wenn sich ein Paar heute in einem Standesamt das Ja-Wort gibt, bekommt es automatisch eine katholische Ehe verpasst. Das sagt ihnen niemand, das ist nirgendwo groß- oder kleingedruckt, das ist für die Eheleute nicht spürbar, und das spielt auch keine Rolle, solange sie sich einig sind. Aber währenddessen wartet bereits ein Heer von Anwälten für Familienrecht auf den Moment, da sie es nicht mehr sind. Dass der mit Sicherheit kommen wird und warum und wie man damit umgehen kann, wurde unter Wertsache Familie beschrieben. Von den Anwälten erfahren sie aber nur, wie man besser nicht damit umgeht. Deren juristische Problemlösung heißt nämlich: Zerstörung der Familie, Bestrafung des Bösen, Belohnung des Guten und Benutzung der Kinder. Zwei katholische Lehrmeinungen mit ihren Konsequenzen wirken sich dabei besonders zerstörerisch aus, die Unauflöslichkeit der Ehe und die Rollen von Mann und Frau in der Familie. Was dabei herauskommt, beklagt das Kapitel Heilige Familie?.