Unrecht gegen Homosexuelle

Als „Schandtaten des Rechtsstaats“ bezeichnete Bundesjustizminister Maas die Verurteilungen von Homosexuellen nach § 175. Von mehr als 50 000 Männern seien zwischen 1945 und 1994 „Berufswege verstellt, Karrieren zerstört und Biografien vernichtet“ worden. Jetzt sollen die Männer entschädigt werden und pro Tag im Gefängnis EUR 4,11 erhalten. Arm wird der Rechtsstaat davon nicht, und er kann sich wieder ganz rechtsstaatlich geben.

Schandtaten des Rechtsstaats sind nicht nur die Urteile gegen Homosexuelle, sondern auch große Teile heutiger katholisch inspirierter Familien-Rechtsprechung. Dabei sind es aber nicht nur 50 000, sondern Millionen von Männern, denen Unrecht getan wird. Dazu kommen noch einmal Millionen von Kindern, und auch die Millionen ihrer Mütter, die mit Versprechungen auf die falsche Fährte gelockt wurden, gehören zu den Opfern. Ausführlicher beschreibt das mein Buch „Verliebt Verlobt Verheiratet Verurteilt“. Und noch besser informiert über die haarsträubende Unrechtsprechung deutscher Familiengerichte die Internetseite trennungsfaq.com.

Wenn Unrecht schon in ein Gesetz geschrieben wird, warum braucht es mehr als 50 Jahre, bis das endlich abgestellt wird? Warum dauert es noch einmal Jahrzehnte, bis jemand das Unrecht auch Unrecht nennt? Können auch unsere hochgelobten Rechtsstaat-Richter nicht einmal Recht von Unrecht unterscheiden? Wollen wir uns einreden lassen, dass das Vergangenheit ist und die Bundesrepublik ein richtiger Rechtsstaat ist?

In meinem Blog-Beitrag „Staatsunrecht im Rechtsstaat“ habe ich beschrieben, dass es eine jahrhundertlange Tradition von Unrechtsprechung durch deutsche Gerichte gibt. Das passiert, wenn sich eine einflussreiche Gruppe dafür einsetzt und sich außer den Opfern niemand daran stört. Einfluss auf Gesetzgebung und Recht­sprechung nimmt immer wieder die katholische Kirche.

Auf ihre Verteufelung der Homosexualität ging der § 175 zurück. In Irland nahmen katholische Mutter-Kind-Anstalten zur Bestrafung unehelicher sexueller Beziehungen Kinder ihren ledigen Müttern weg und verkauften sie nach Amerika. (Blog-Beitrag „Verlorene Kinder“). Familien, die das katholische Gebot der lebens­langen Ehe nicht einhalten, bestraft das deutsche Familienrecht. Bei diesen Schandtaten an den Familien machen alle in Bundes- und Landesparlamenten vertretenen politischen Parteien mit. Vermutlich werden erst wieder 100 Jahre vergehen müssen, bevor die angerichteten Zerstörungen als das erkannt werden, was sie sind: Unrecht.

Verlorene Kinder

Medien berichten über einen Fund von 800 Skeletten kleiner Kinder in einer alten Sickergrube in Tuam, Irland. Entdeckt wurden die bereits 1975, aber untersucht wurde der Fund damals nicht. Erst 2014 äußerte eine Historikerin den Verdacht, dass die Skelette aus dem Mutter-Kind-Heim stammten, das früher von einem katholischen Nonnenorden auf demselben Gelände betrieben wurde. Das bestätigten jetzt die Untersuchungen.

Bereits 1952 hatte es Berichte über einen Adoptionshandel mit irischen Kleinkindern gegeben. Sie waren in katholischen Heimen geboren worden, die für arme, ledige, wegen der „Schande“ von ihren Familien verstoßene Mütter die einzige Anlauf­station waren. Die jungen Frauen hatten zur „Strafe für ihre Sünden“, sprich den außerehe­lichen Sex, in den Konventen Frondienste zu leisten. Die Bestrafungsmission richtete sich nicht nur gegen die Sünderinnen selbst, sondern auch gegen ihre Kinder. Sie galten als „Werke des Teufels“ und wurden physisch und emotional so stark vernach­lässigt, dass viele von ihnen das nicht überlebten. Gestorbene Kinder wurden nicht beigesetzt, sondern als Abfall entsorgt wie in jener Sickergrube.

Viele der überlebenden Kinder wurden unter Umgehung gesetzlicher Vorschriften vorwiegend in die USA verkauft. Der Kaufpreis hieß offiziell „Spende“, das Kind wurde aber erst ausgehändigt, wenn sie entrichtet war. Gedeckt wurde diese Praxis von höchsten Stellen in Kirche, Politik und Justiz, die bis heute eine Beteiligung weit von sich weisen. Polizei und Justiz sahen aber auch keine Veranlassung, die Entdeckung der Kinderskelette zu untersuchen. Das bewegende Schicksal eines der in die USA verkauften Kinder beschreibt Martin Sixsmith in seinem lesenswerten Buch „The Lost Child of Philomena Lee“ (Eine deutsche Ausgabe trägt den verfälschenden Titel „Philomena: Eine Mutter sucht ihren Sohn“).

Irland ist weit weg, und die Ereignisse sind Vergangenheit. Dennoch gehen sie auch uns an; denn nach demselben Muster verfahren Kirche, Politik und Justiz heute mit Familien und Kindern in der Bundesrepublik. Am Anfang stehen die absonderlichen Gebote der katholischen Kirche zu den Themen Sex, Familie und Ehe. Die will sie aus der Bibel abgeleitet haben, aber dort findet man sie nicht. Damit sie befolgt werden, setzt die Kirche seit jeher auf die Bestrafung von Übertretungen. Das ist weder wirksam noch überzeugend. Der Kirche dürfte es dabei auch weniger um Moral als um Macht gehen.

Verbündete dafür findet sie bei Politik und Justiz, in Irland wie in der BRD. Wenn die Kirche verkündet, eine Ehe habe lebenslang zu bestehen, notfalls mit Zwang, dann schreiben Politiker bereitwillig in § 1353 BGB: „Die Ehe wird auf Lebenszeit geschlossen“. Wenn die Kirche die vorzeitig beendete Ehe abwerten möchte, dann bezeichnen Politiker sie gehorsamst als „gescheitert“. Wenn die Kirche Reste solcher gescheiterter Ehen beseitigen möchte, werden Familiengerichte das mit Freude besorgen, werden Eltern-Kind-Beziehungen zerstören und das als  „Kindeswohl“ schönreden.

Wie jene irischen Mütter und ihre Kinder sind auch Trennungsfamilien in der Bundesrepublik von guten Geistern verlassen. Die Medien erfüllen nicht ihre Funktion als Wächter. Die Bevölkerung schaute schon immer beim Unrecht von Staatsbedien­steten lieber in die andere Richtung. Nicht wegschauen sollten die Betroffenen selbst, die Familien, die Eltern, die Väter und die Mütter und wenn nicht für sich selbst, dann wenigstens für ihre Kinder.